Startschuss - Tag 2

05. August 2019
Laura Winter (Laura)

Die Meisten unserer Gruppe sind aktuell in der Altersgruppe über 20 anzusiedeln und reagieren auf Busfahrten jenseits der 10 Stunden eher mit gequältem Stöhnen und knackenden Knochen als mit Bierdurst und Feierlaune. In Londons „bestem Party-Hostel“ (sic) gab es heute Nacht daher keine Party für uns, sondern eine erholsame Mütze Schlaf.
Nach schnellem Frühstück sammeln wir uns für den gemeinsamen Trip zum ExCel, der Schaustätte des Spektakels YMCA175 , zu dem wir hier beitragen dürfen.
Nebenbei haben wir die Postkarten unter den schreibwütigen Choriosen verteilt, eure Englandgrüße sind also auf dem besten Weg in eure Briefkästen!
Ein kurzes Warm-Up (bestehend aus einer erlesenen Selektion unserer größten Hits wie „Ein Tiroler wollte jodeln“, da bleibt keiner auf den Sitzen, das reißt mit) eröffnet unseren langen Tag im Messezentrum. Gleich danach haben wir unseren großen Soundcheck im Auditorium, einem riesen Saal, der 4000 Leute fasst - wo Benni, Daniel und Andi, die man inzwischen getrost als unsere „Haustonmänner“ bezeichnen kann, die Gegebenheiten und Kommunikationsprobleme niederringen und dafür sorgen, dass wir gewohnt gut klingen. Wir erfahren Details über die Eröffnungsveranstaltung diesen Abend, bei der wir drei Lieder beisteuern dürfen, und auch einige andere Programmpunkte unterstützen – was wir auch vor Ort spontan erfahren. Aber dazu später mehr. Wir steuern viel von A nach B an diesem Tag, treffen inspirierende, schaffende Menschen, die auf der Stressskala auf verschiedenen Niveaus rangieren und dabei immer ein Lächeln auf den Lippen haben. Es gibt Essen, das gut schmeckt (und in Teilen auch glutenfrei ist). Wir müssen oft warten, aber immer nur auf gute Dinge.

Trotz meiner Mitgliedschaft im YMCA kann ich mich nicht wirklich als Insider bezeichnen. Im Gegensatz zu den meisten Teilnehmern beim YMCA175 (und ich meine nicht die, mit denen ich im Bus angereist bin) bin ich nicht mit Ten Sing großgeworden, oder CVJM-Jugendfreizeiten, oder anderer Vereinsarbeit. Unser Chor ist Teil des CVJM (das ist übrigens das deutsche Wort für YMCA), das stimmt, aber ich habe oft den Eindruck, dass wir darin ein wenig atypisch sind. Wir kennen die Ideen und die Ideale, aber fühlen uns oft als Gäste. Umso mehr habe ich mich gewundert und gefreut, als einer der ersten Sätze, den wir hier von einer Freiwilligen gehört haben, war „Wir sind SO froh, dass ihr da seid, denn ihr seid SO YMCA“. Und je länger wir hier sind, je mehr wir hier erleben, desto mehr kann ich das verstehen. Unsere Arbeitsweisen ähneln sich zum Beispiel. Und das völlige Ablehnen von außen auferlegten Grenzen. Das Prägnanteste ist die allgemeine „Can-Do-Attitude“, die hier jeder verinnerlicht hat: „Wir wissen nicht, was in einer halben Stunde hier genau passiert, aber macht das mal ungefähr so und habt Spaß“, gehörte zu den eher häufigen Ansagen heute. Es ist schließlich für eine größere Sache: das Zusammenbringen von Menschen und deren Bestärkung in ihrer Selbstwirksamkeit (die beste Umschreibung für „Empowerment“, die mir heute Abend noch einfällt). Das ändert Gesellschaften zum Positiven, ist aber auch harte Arbeit. Immer mehr verstehe ich, warum sich bei Unklarheiten und spontanen Planänderungen auch vor unserer Reise schon ein (manchmal auch müdes) Lächeln ins Gesicht unseres Monty stiehlt. Als YMCA-Veteran hat er hier das Recht und auch oft die Gelegenheit zu sagen: „Das klappt schon. Ist halt YMCA“.

Die Eröffnungsfeier selbst im gut gefüllten Auditorium wird ein riesen Erfolg. Von Verunsicherung angesichts einiger Unklarheiten ist keine Spur. Zwischen TED-Talkern, inspirierenden Videoeinschnitten und unterhaltsamen Moderatoren geben wir Shut up and dance, Nearer my God to thee und Conga zum Besten. Die YMCA-Crowd bildet ein geniales Publikum, das kaum auf den Sitzen zu halten ist, so gibt es z.B. eine mehrere hundert Mann starke Polonnaise bei Conga – das ist schwer zu fassen, und noch schwerer zu überbieten!
Spontan unterstützen wir die angereisten internationalen Delegierten bei einer Flaggenzeremonie, indem wir die Fahnen derjenigen Länder tragen, die nicht vertreten sind. Außerdem tragen unsere Chormitglieder die Fahnen der EU, der Vereinten Nationen, der LGBTQ+-Bewegung – und das nicht ohne Stolz. Ich für meinen Teil hoffe, die Slovakei würdig repräsentiert zu haben. Beschwerden gerne per Mail.

Nach der Eröffnungsfeier und der Möglichkeit zur abendlichen Anbetung findet noch ein kurzes Treffen aller Delegierten der deutschen CVJMs statt – auf dem Gang im Schneidersitz, weil es aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen den dafür geplanten Saal doch nicht gibt.
Macht aber nix.
Es klappt.
Ist halt YMCA.